Alle Vereine sind gleich, jeder Verein ist ein Unikat!

Nicht nur Mitglieder werden älter und weniger, auch Vereine. Sie sind für das gesellschaftliche Leben, nicht nur in den Dörfern, eine wesentliche Grundlage des Miteinanders.

Dr. Armin Kuphal

 Aber lesen Sie selbst: 

Jeder Verein ist ein Unikat – alle Vereine sind gleich.

  • ein soziologischer Blick auf Vereine
  • von Dr. Armin Kuphal, Soziologe

Vortrag bei der Veranstaltung “Dorf und Verein – Tradition und Zukunft”
am 13. Mai 2005 in Orscholz. Abgedruckt in der gleichnamigen Dokumentation des Saarländischen Ministeriums für Umwelt  (April 2006).

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich bin geboren und groß geworden in Wemmetsweiler. Mein Großvater mütterlicherseits (er trug anders als ich noch den saarländischen Namen Leidinger) war dort vor dem Krieg Vorstand eines Vereins, den meine Oma nie ohne einen gewissen Spott in der Stimme zitierte: Der Verein hieß: “Rauchclub Dicke Wolke”. Das war ein Name, der mich als Kind sehr begeisterte und den ich immer noch ganz wunderbar finde, auch wenn ich als Nichtraucher dem deklarierten Vereinszweck eher kritisch gegenüber gestanden hätte…

So aus Neugierde habe ich mal im Internet nach der Dicken Wolke geguckt – und habe einen einzigen Eintrag in einer Chronik der Kolpingfamilie im Emsland gefunden. Für das Jahr 1927 ist dort vermerkt: “Der Rauchclub ‘Dicke Wolke’ trifft sich montags bis 23 Uhr und darf nur lange Pfeifen rauchen”. – So ist das mit der Einzigartigkeit: War ich eben noch im Glauben, eine biografische Beziehung zu einem Geselligkeitsverein mit einem einmalig schönen Namen zu haben, so vermute ich jetzt, dass es in den zwanziger Jahren nicht allein in Wemmetsweiler/Saar, sondern an vielen Orten in Deutschland “Dicke Wolken” gab…

Strukturelle Sachverhalte

Mein Interesse an Vereinen geht, wie Sie erwarten dürfen, über derlei familiäre und lokale Anhänglichkeiten hinaus. Ich möchte Sie einladen, in der Kürze der Zeit mit mir einen soziologischen Blick auf Vereine zu werfen. Dabei müssen wir, so will es meine Wissenschaft, abstrahieren von den Einzelheiten vor Ort und uns strukturellen Sachverhalten zuwenden. Strukturell heißt, dass es sich um Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten handelt, die unhabhängig vom guten oder bösen Willen der einzelnen Akteure herrschen und von diesen auch nicht außer Kraft gesetzt werden können. So verstehen Sie bitte auch den Titel meines Vortrages, in dem es heißt, dass alle Vereine – ungeachtet ihrer Einmaligkeit – ziemlich gleich sind.

Musterbeispiel einer strukturellen Tatsache ist der Bevölkerungsrückgang. Der verdienstvolle nimmermüde Manager dieser Tagung, Herr Otmar Weber, geht landauf landab, um zu Bewusstsein zu bringen, dass der Bevölkerungsschwund tatsächlich stattfindet, und dass man gut daran tut, dieses in Vereinen (und anderswo!) rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen, bevor man mangels Masse ganz manövrierunfähig geworden ist. Denn jeder glaubt natürlich so ein bisschen, dass sich der Bevölkerungsrückgang bei den anderen abspielt. Jeder glaubt so ein bisschen, dass man dieser Tatsache mit einer Politik herkömmlicher Art irgendwie entkommen könne.

Oder aber man überschätzt in unmittelbarer Betroffenheit die Gefahr und wird nach dem Motto “Mein Gott – die Saarländer sterben aus!” total hysterisch. Oder man mault immer wieder diejenigen, die zufällig da sind, dafür an, dass die anderen fehlen.
Oder man spricht die Jugend insgesamt dafür schuldig, dass sie so gar kein Interesse mehr an dem wertvollen Vereinszweck habe – und bringt sich mit dieser missmutigen Haltung erst recht außerstande, auf die durchaus noch vorhandenen jungen Leute zuzugehen. In Wirklichkeit hat sich an dem Interesse der Jugend womöglich gar nicht so viel geändert – und die Wahrscheinlichkeit sangeslustigen Nachwuchs zu kriegen ist nicht so viel kleiner ist als damals – nur ist eben die absolute Zahl der Jugendlichen in der Gemeinde erheblich zurückgegangen.

“Aber bei uns ist alles anders”

Wenn Sie mir sagen: “Aber bei uns ist speziell dieses oder speziell jenes ganz anders…” – dann muss ich das gelten lassen, weil soziale Gesetze ja nicht mit der gleichen Ausnahmslosigkeit herrschen wie Naturgesetze – aber Sie sind mir nicht böse, wenn ich so heimlich und ganz für mich meine fachlichen Zweifel habe. Was die Akteure in ihrer Individualität als einmalig wahrnehmen, ist in abstrakter Distanz oft nur stinknormal. Oder wie Tucholsky einmal zu der Beobachtung formuliert hat, dass jeder, der sich am Bahnhof von einem lieben Menschen trennen muss, seine sehr individuellen Tränen weint: “Vom Stationsvorsteher aus gesehen sieht der tägliche Abschied der Reisenden an den Zügen recht stereotyp aus (…) Man sollte auch seine eigenen Erlebnisse vom Stationsvorsteher aus sehen können”.

Aus organisationssoziologischer Sicht

In meinem Beitrag möchte ich also einige strukturelle Eigenschaften von Vereinen beschreiben und sie auf das Thema der Tagung hin befragen. Ich tue dies aus organisationssoziologischer Sicht. Die Frage heißt: Wie wird aus dem Handeln mehrerer unterschiedlicher Menschen ein gemeinsames, dauerhaftes auf ein bestimmtes Ziel hin orientiertes Handeln und in welchem Spannungsfeld geschieht dieses.

Davor noch eine kurze Unterscheidung zu benachbarten Fragestellungen: Vereine können auch betrachtet werden als soziale Institutionen. Die damit gestellte Frage lautet: Welchen Beitrag leistet dieses Gebilde in einem Gemeinwesen – für eine Gesellschaft als ganze, für eine Gemeinde, für einzelne Menschen. Aber auch die Frage nach möglichen Alternativen: Könnte es für das, was Vereine leisten, nicht auch andere Lösungen geben? Wir erleben ja den Boom der Fitness-Studios. Wer seinen Körper unter einer gewissen Anleitung und mit bestimmten Geräten trainieren möchte, muss nicht notwendig einem Sportverein beitreten – mit der Zumutung, über den Beitrag hinaus weitere mitgliedschaftliche Leistungen zu erbringen. Es geht nun auch ohne weitere Verpflichtungen als Kunde in einem Studio. Damit ist wohlgemerkt noch nichts ausgesagt über andere Leistungen von Vereinen – etwa der gesellschaftlichen Integration.

Man kann bei einer Organisation – ob groß oder klein – auch das Gruppenleben in den Vordergrund stellen und das Augenmerk darauf richten, welche Dynamik in diesem Kontext stattfindet. Es kommt bei der Wahl der Perspektive immer auch darauf an, welches Problem sich gerade in den Vordergrund drängt: Wenn sich in einer Organisation – in einem Betrieb, einer Behörde oder eben auch in einem Verein – alle gegenseitig am Hals haben und nichts mehr geht, dann kommt die Hilfe nicht von einem Kaufmann oder Marketingmenschen, sondern dann muss ein externer Supervisor her, der in der Lage ist, den entstandenen Beziehungsdschungel zu lichten.

Was ich sage, wird Ihnen nicht unbekannt vorkommen – denn Sie wissen ja wovon die Rede ist. Das Problem bei der Betrachtung sozialer Sachverhalte ist oft nur, dass die Akteure sich selber nicht sehen und die Situation, in der sie selber als Betroffene stecken, gänzlich aus ihrer Sicht sehen. Man kennt dies nur zu gut von Konflikten: Wer in eine ernste persönliche Auseinandersetzung involviert ist, wird taub für annehmbare sachliche Argumente. Wie durch einen Polarisationsfilter sieht er nur noch was er sehen will und alles andere kommt nicht mehr an.

Fragen zur sozialen Gestalt von Organisationen stellen sich in der Regel auch erst, wenn es kompliziert wird, vor allem wenn es sich krisenhaft zuspitzt – oder in der Alltagssprache: Wenn die Kacke bereits am dampfen ist. Ich verstehe den Sinn einer solchen Tagung auch darin, schon davor auf Risiken hinzuweisen und dafür zu sorgen, dass das erhebliche soziale Kapital der Vereine für das Gemeinwesen nicht untergeht.

Organisation = stabile Regelung von Kooperation

Die zentrale Frage aller Organisationen, ob kleiner Verein oder große Firma, ist die, wie Kooperation auf dauerhaft geregelt werden kann. Diese Frage der Kooperation stellt sich bekanntlich schon, wenn nur zwei Menschen gemeinsam eine Aufgabe lösen müssen. Sie kennen sicher den saarländischen Brauch, dass man Brautleute vor dem Standesamt eine symbolische Aufgabe erfüllen lässt: Im Wechselspiel von Zug und Gegenzug müssen sie einen Baumstamm durchsägen – was ja bekanntlich neben einer gewissen Übung auch noch eine Einigung darüber voraussetzt, wer den Anfang macht. Bei dem später zu bewältigenden Walzer der Brautleute – das ist die zweite Prüfung an dem Tag – ist das ebenso der Fall. (Die dritte an dem Tag, genauer: in der Hochzeitsnacht, zu bringende Paar-Disziplin, ist in aller Regel ja schon besser geübt und braucht zudem nicht vor Zuschauern absolviert zu werden…).

Kooperation wird umso komplizierter, je mehr Akteure beteiligt sind. Aus dieser Sicht haben Vereine als kleine soziale Gebilde grundsätzlich die gleichen Probleme zu lösen wie große Organisationen. Die Tatsache, dass die Beteiligten keine unmittelbare Belohnung für ihr Tun zu erwarten haben, macht es nicht leichter, sondern im Gegenteil noch viel komplizierter.

Organisationen lösen Probleme, Organisationen machen Probleme

Jede stabile Ordnung ist besser, als sich jeden Tag neu darüber verständigen zu müssen, wer wie was mit wem macht. Insoweit ist jegliche Organisation der Nichtorganisation überlegen. Aber jegliche Fixierung kostet ihren Preis. Alternative, womöglich bessere Lösungen werden verworfen, für unmöglich gehalten oder vollends ausgeblendet. In der Sprache der Systemtheorie: Systeme sehen nur noch, was sie sehen können. Systeme reduzieren die unendliche Vielfalt von Möglichkeiten zugunsten einer Möglichkeit. Sie erlösen von der Qual der Wahl. Aber dieser Ausschluss der Vielfalt darf nie total sein. Kein Verein lebt auf einer Insel – er muss von außen kommende Veränderungen doch irgendwie im Auge behalten und darauf reagieren. Jede Organisation steht so vor einer paradoxen, in sich widersprüchlichen Aufgabe: Errichte eine stabile, aber zugleich noch flexible Ordnung. Dieser in jeder Organisation vorkommende Widerspruch macht Probleme: Es gibt Mitglieder, die eine ausgesprochene Sensibilität für die Sicherung des Bestandes entwickeln, während andere in Alternativen denken. Beide empfinden einander als Bedrohung.

Nur Beziehungsprobleme oder strukturell verursachte Probleme?

Die erste Schwierigkeit besteht darin, die Schwierigkeiten zu verstehen, in denen man steckt. Was sich im sozialen Alltag als Beziehungsschwierigkeit darstellt und von allen Beteiligten auch so gesehen wird, ist meistens strukturell verursacht. Es ist eigentlich gar keiner dafür “verantwortlich”, denn keiner hat das Problem als solches verursacht – es ist einfach so entstanden. Ein Beispiel dafür: Wenn ein Verein mit seinen Aktivitäten gedeiht und die zu bewältigenden Aufgaben zunehmen, dann passiert regelmäßig dies, dass die vorhandenen Strukturen irgendwann nicht mehr ausreichen, um den wesentlich gewachsenen Betrieb zu managen. Dann gibt es immer eine Fraktion, die den eingetretenen Zustand akzeptiert und keine andere Wahl sieht, als weitere Professionalisierung, während die andere Fraktion das auf keinen Fall will, weil man eigentlich den gemütlicheren Betrieb von vorher möchte. Das passiert absolut unabhängig davon, welche Ziele der Verein mit welchen Aktivitäten verfolgt – beim Sport ebenso wie in der Kultur, bei der Wohlfahrt wie beim Naturschutz. Wir, die wir unbefangen hinsehen, diagnostizieren, dass man an einer Grenze steht und das Problem darin besteht, dass noch nicht entschieden ist, in welcher Richtung man sie hinter sich lassen möchte.
(Ich weiß wovon ich spreche – ich war lange Zeit in einem Verein, der aus einer Bürgerinitiative entstanden war und der so tat, als sei er immer noch eine, während in Wirklichkeit schon ein Dutzend Hauptamtliche dort arbeiteten. Während die einen darum kämpften, den tatsächlich eingetretenen Zustand anzuerkennen und diesem Rechnung zu tragen (dies auch im wahrsten Sinne des Wortes), weigerte sich insbesondere die Gründergeneration, den eigentlich von ihnen selber herbeigeführten Zustand als solchen wahrzunehmen und daraus organisatorische Konsequenzen zu ziehen. Dies führte zu extremen Konflikten zwischen den Beteiligten, die ich so nie wieder erleben möchte!)

Gemeinschaft oder Gesellschaft?

In der Sozialwissenschaft gibt es die bekannte Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft. Gemeinschaften sind sozusagen “natürliche” Gruppen, in denen jeder jeden seit ewig kennt – und zwar als ganze Persönlichkeit. Die Familie und familiäre Verwandtschaft sind Beispiele dafür. Schulklassen zählen dazu, ebenso stabile Nachbarschaften…Man gehört natürlicherweise zusammen und die Art dieser Gemeinsamkeit hängt sehr mit den jeweiligen Persönlichkeiten ab. Förmlichkeiten sind nicht notwendig, ja sie gelten als vollkommen unsinnig oder als Bekundung von Misstrauen – man kennt sich schließlich doch gut genug.
In dem Organisationstyp der Gesellschaft geht es förmlicher zu. Hat die Gemeinschaft ihren Sinn in sich selbst, spielen bei der Gesellschaft äußere Zwecke herein und auch das Verhältnis der Mitglieder zu ihrem Verein ist durch Zwecküberlegungen geprägt. An die Stelle der eingelebten Gewohnheit treten schriftliche Regeln und die einfache Erinnerung wird ersetzt durch schriftliche Protokolle.
Im Verein, ja in allen Organisationen sind immer beide Elemente enthalten – das Element der Gemeinschaft und zugleich das Element der Gesellschaft. Viele kleine Vereine sind von ihrem Wesen her Gemeinschaften – und nur das Gesetz zwingt ihnen gewisse gesellschaftstypische Förmlichkeiten auf. Wo man gemeinsam einen speziellen Zweck verfolgt, ohne sich gegenseitig binden zu wollen, verwendet man gerne auch den Begriff Club. Der Club will also bewusst unter der Ebene des Vereins bleiben.
Viele Mitgliederversammlungen und Vorstandswahlen finden nur deshalb statt, weil die Satzung es so will – und viele Vorstände gibt es nur, weil das Gesetz es zwingend vorschreibt. Im Binnenverhältnis geht es grundsätzlich auch ohne förmlichen Vorstand, ohne Wahlen und ohne Niederschriften… Diese Verpflichtungen sind ja in erster Linie gemacht worden, damit der Verein nach außen gegenüber Dritten als juristische Person auftreten kann.

Man kann sagen: Es gibt eine strukturelle, d.h. unaufhebbare Spannung zwischen den beiden Polen von Gemeinschaft und Gesellschaft. Sie wird dadurch sichtbar, dass es in fast allen Vereinen die beiden unterschiedlichen Orientierungen nebeneinander bestehen. Die einen sorgen sich besonders darum, dass es ein informelles gemeinschaftliches Miteinander gibt – und sind ein bisschen blind für die strukturellen Notwendigkeiten. Vereinsstrukturen betrachten sie als unnötig oder immerhin noch als ein notwendiges Übel und den Vereinsprozeduren stehen sie eher fern. Meine Frau ist Präsidentin eines Radsportvereins, und ich kriege mit, dass es unter Radsportlern einen ausgeprägten Typ gibt, der jederzeit 100 km auf dem Bock verbringen möchte, aber nicht die geringste Lust hat, einer Vereinssitzung beizuwohnen.

Die anderen wollen, dass die Förmlichkeiten stärker ins Bewusstsein treten und sich als notwendiges Gerüst durchsetzen. Personen, die Verantwortung übernehmen, müssen in der Tat auch anders aufpassen als einfache Mitglieder – allein schon zum eigenen Schutz. Denn sie haften, wenn sie wichtige Dinge übersehen (Stichwort “Organisationsmängel”) zur Not mit dem eigenen Vermögen.

Beide Fraktionen haben Recht und beide zugleich Unrecht. Zweckorientierte Gesellschaften laufen Gefahr, dass die persönliche Nähe verloren geht, die Formalitäten zum wichtigsten Selbstzweck werden und die eigentlichen Vereinsaktivitäten darunter leiden. In ausgesprochen gemeinschaftlich orientierten Vereinen passieren nicht selten ganz erhebliche Fehler; sie sind anfällig für spontane Hin- und Her-Entscheidungen. Nicht selten gibt es furchtbaren Krach, weil die Mitglieder viel zu nah miteinander waren – und ein außerhalb des Vereins entstandener Konflikt unmittelbar in diesen hineinwirkt. Für solche viel zu nahen Beziehungen haben wir im Saarland ja den schönen Ausdruck “Kopf und Arsch”.

Es gibt keinen Verein, der frei ist von diesem Zwiespalt zwischen gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Orientierung. Nicht weil im richtigen Verein neben den richtigen leider immer auch falsche Mitglieder wären, sondern weil dieser strukturelle Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft immer schon mit eingebaut ist. Welches Mitglied nach welcher Richtung tendiert, hängt dann noch nur vom jeweiligen Persönlichkeitstypus ab.

Das Leitungsproblem muss gelöst werden

Organisationen müssen, um fortbestehen zu können, immer ihr Leitungsproblem lösen. Dabei ist es zunächst unerheblich, wie dieses Problem gelöst wird – ob demokratisch, oligarchisch oder autokratisch. Organisationen mit einem Führungsvakuum werden instabil, zerfallen wieder in Einzelpersonen, die eher nach den Prinzipien des Tausches miteinander verbunden sind als durch die Verfolgung eines gemeinsamen Zieles. In der Demokratie sind Vereine per Gesetz demokratische Organisationen – das heißt, die Mitglieder verleihen per Wahl eine begrenzte Macht.

Vorstandswahlen sind immer spannend, erst recht wenn es Gegenkandidaturen gibt. Man stellt sich für das Amt zur Verfügung – aber man tut es immer auch für sich. Wenn ein Vorstand sich wiederholt wählen lässt, ist dies ein gutes und ein schlechtes Zeichen zugleich. Das gute Zeichen: Der Verein ist attraktiv, es geht um etwas! Will keiner mehr das Vorstandsamt, stimmt mit dem Verein etwas nicht.

“Kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als der Abschied von der Macht” sagte Talleyrand. Der Satz gilt selbstredend auch für Vorstände von Vereinen. So sehr man vom demokratischen Prinzip auch überzeugt sein mag – eine Wahlniederlage wird immer auch als eine persönliche Kränkung aufgefasst. Lässt sich ein Vorstand immer wieder bestätigen, findet der demokratische Machtwechsel und die Verjüngung der Führungsgruppe nicht mehr statt. Man weiß, wie schwer es ist, einen verdienstvollen aber nach langen Jahren verknöcherten Vorstand davon zu überzeugen, dass es Zeit ist, das Amt in jüngere Hände zu geben. (Höre ich nicht schon einen Zuhörer im Saale, der ruft: “Du bist doch auch schon 15 Jahre Vorsitzender des Paritätischen Bildungswerkes Rheinland-Pfalz/Saarland…”)

Ja, wenn es denn die jüngeren Hände noch gibt. Jetzt haben wir nicht selten den Zustand, dass ein Vorstand gerne abgeben würde, sich aber niemand mehr findet, der das Amt übernehmen würde – sei es, dass der Nachwuchs überhaupt fehlt, sei es dass sich durchaus geeignete Personen längst anderswo engagiert haben. Man muss auch junge Leute animieren, Leitungsfunktionen zu übernehmen und erst recht müssen “Kronprinzen” und “Kronprinzessinnen” auf ihre spätere Rolle vorbereitet werden. Wer Nachfolger haben möchte, muss auch Gelegenheit geben, dass dieser irgendwann auf die richtige Spur kommt.

Vereinsvorstände fallen nicht vom Himmel, sie müssen immer auch herangebildet werden. Dabei gibt es noch ein anderes Hindernis: Ehrenamtliche Leitungsfunktionen werden gerne unterschätzt – oder sie werden gerne auch überschätzt. Beides macht den Stabwechsel problematisch. Es ist gut, dass es auch im Saarland durch die LAG Pro Ehrenamt eine Schulung für ehrenamtliche Kräfte gibt. Eine erhebliche strukturelle Verbesserung sehe ich außerdem darin, dass Land unlängst auf energisches Betreiben der LAG eine Unfall- und Haftpflichtversicherung für Ehrenamtliche abgeschlossen hat.
(Zu dem Problem, dass Vereine nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer brauchen, dass Mitglieder gehalten und immer wieder neue Mitglieder gewonnen werden müssen, wird Frau Dr. Höfer nach meinem Vortrag mehr sagen).

Nicht nur Mitglieder, auch Vereine altern

Ein jeder Verein hat ein Bewusstsein seines Alters. Nicht selten wird das Gründungsjahr im Namen geführt (“Sportverein von 1860”) und runde Zahlen werden als Vereinsjubiläen gefeiert. Von der kalendarischen Zeit wollen wir unterscheiden, dass das Vereinsleben auch Phasen der Entwicklung hat und dass diese Abfolge gewissen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Bei deren Darstellung erlaube ich mir ein paar Übertreibungen:

Phase1 – Heiße Liebe und heiliger Eid

Die allermeisten haben ihren Verein von Altvorderen übernommen und nur wenige von Ihnen werden gerade eben einen Verein gegründet haben, aber vielleicht gibt es Erinnerungen an die Zeit der Gründung und der ersten Zusammenarbeit.
Wie bei Liebespaaren ist es die heiße Phase – wo man gar nicht genug miteinander machen kann. Viele Bürgerinitiativen in den 70er Jahren haben mit diesem Elan begonnen, viele soziale Erfindungen aus dieser Zeit – ich erinnere an die Straßenfeste (Selbsthilfegruppen, alternative Betriebe, Stadtteilarbeit, Dritte-Welt-Projekte, Wohngemeinschaften) – wurden getragen von einer enormen sozialen Thermik. Nichts war zuviel, alles war aufregend, alles war leicht, alles gelang, weil sich alle auch außerordentlich dafür einsetzen. Sehr wohl vorhandene strukturelle Schwächen wurden durch starkes Engagement mehr als ausgeglichen. Diese Zeit endet mit einem heiligen Schwur von der Art “Wir wollen niemals auseinandergehn!” Denn was so gelingt, kann niemals zu Ende gehen.

Phase 2 – Der Übergang zum normalen (Vereins-)Leben

Aber allmählich wird klar, “dass nichts bleibt wie es war…” Dauer und Stabilität verlieren den Anschein von selbstverständlicher Unerschütterlichkeit und werden mit einem Male fragwürdig. Plötzlich verabschieden sich Personen und es muss Ersatz gefunden werden für Menschen, die doch eigentlich unersetzlich schienen. Dritte, die die mit der hoch engagierten Gruppe zu tun haben, wollen neben der Begeisterung auch Verbindlichkeit und klare Verantwortlichkeit. Eine wesentliche Änderung ergibt sich womöglich durch die Annahme öffentlicher Gelder (- die wegen ihrer weitreichenden Folgen für das Vereinsleben einst als “Staatsknete” schwer in der Diskussion waren).
Hier haben wir wieder eine strukturelle Verzweigung: Der heiße und flüssige kooperative Zusammenschluss wird in eine vorgegebene Rechtsform gegossen – z.B. in die des eingetragenen Vereins. Das hat weitgehende Konsequenzen, denn jetzt stellen sich andere Anforderungen. Jetzt kommen zwangsläufig die Vereinsmanager ins Spiel. Die Stimmung ist immer noch ganz gut – aber es zeigt sich, dass die eigentlichen Aktivitäten in immer kompliziertere Zusammenhänge geraten. Was einst einfach so mir nicht dir nichts gemacht wurde, muss nun sehr gut bedacht werden.

Phase 3 – Früher war alles schöner

Neue Mitglieder, die ab da hinzukommen, hören von früheren legendären Festen, von außerordentlichen sozialen Talenten (die längst anderswo ihr Charisma walten lassen); sie hören, dass früher alles viel improvisierter, ja mitunter chaotisch war – aber allemal viel viel schöner… Neben die Lust am Verein tritt die Last mit ihm. Wo früher jeder jeden wegen seines Einsatzes lobte, schleicht sich nun ein, dass jeder davon spricht, “andere könnten ruhig etwas mehr tun”. Irgendwann heißt es, dass das ganze so viel Arbeit ist, dass ein Ehrenamtlicher alter Art das alles nicht mehr bewältigen kann. Es müsse ein Hauptamtlicher her – wenn man nur das Geld dafür hätte. Die Sozialwissenschaft spricht hier vom “Motivschwund”.

Nicht selten Phase 4 – der professionelle Sündenfall

Dann kriegt man vom Arbeitsamt eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder etwas Ähnliches spendiert. Spätestens nach dem Auslaufen der Stelle steht fest, dass man sich die Arbeit von früher nicht mehr machen kann. Wo die Ehrenamtlichen mangels professioneller Unterstützung unter sich geblieben sind, stellen sie fest, dass die Vereinsaktivitäten nicht weniger werden, aber von immer weniger Mitgliedern zu leisten sind, und dass man eigentlich auch nicht mehr die große Lust hat – aber irgendjemand muss es ja machen. Hier und dort kommt es vor, dass ein bisher Ehrenamtlicher ins Profi-Lager wechselt, d.h. für seine Tätigkeit Geld kriegt. Das mag gut sein für die Aufrechterhaltung der Aktivitäten, ist aber regelmäßig schlecht für die Motivation der nach wie vor unbezahlten Mitglieder.

Phase 5: Der Verein ist längst nicht mehr ein freiwilliger Zusammenschluss

Er existiert unabhängig und außerhalb von seinen Mitgliedern und ist zu einer eigenen sozialen Gestalt mit fast dinglicher Qualität geworden – er hat vor allem ein eigenes Existenzrecht gewonnen. Weil er da ist, muss er weitergeführt werden – und je länger er bereits besteht, desto verpflichtender erscheint irgendwie die Fortführung. Das bevorstehende Jubiläum wirkt deshalb wie ein Aufputschmittel – der Verein zeigt sich von seiner besten Seite. Danach wird es wieder ruhiger. Man hört öfter Sätze, die anfangen mit “Wir müssten mal wieder…” – aber wenn der Ruck ausbleibt, ist es auch kein Drama. Der Verein lebt ohne große Auffälligkeit weiter Und wenn er nicht gestorben ist, dann erlebt er noch viele weitere Jubiläen.

Es gibt auf der anderen Seite aber auch kein Gesetz, welches vorschreibt, dass ein Verein, der seinen Gründern und Mitgliedern einmal wichtig war, auf alle Zeit erhalten bleiben muss. Viele Vereine verschwinden denn ja auch von der Bildfläche oder existieren nur noch de jure beim Vereinsregister. (Ich bin Mitglied im Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes RLP/Saarland und wir erleben es dort immer wieder, dass Mitgliedsvereine sich in Luft aufgelöst haben und überhaupt nicht mehr erreichbar sind).

Phase 6 – und wieder zurück auf Anfang

Es kann aber auch passieren, dass neue Mitglieder ganz neue Ideen und ganz neue Energie einbringen; dass ziemlich eng gewordenen Ziele eine befreiende Erweiterung erfahren; dass mit einem Male die Entdeckung gemacht wird, dass auch Frauen als Mitglieder in Frage kommen, wo es vorher gleichsam ein Naturgesetz war, dass der Vereinszweck nur durch Männer zu verfolgen ist. Es kann passieren, dass in der Not neue Bündnisse zwischen konkurrierenden Vereinen eingegangen werden, die vorher undenkbar waren. Es kann passieren, dass soziale Verwerfungen eintreten, die ganz neue Perspektiven ergeben; – dass durch gesetzliche Änderungen ganz Aufgaben auf den Verein zukommen oder dass überhaupt ein ganz neuer Wind durch die Gesellschaft weht… Kurzum – es kann passieren, dass plötzlich wieder ganz viel Zukunft da ist und dass es immer noch oder schon wieder Menschen gibt, die diese Zukunft in freier bürgerschaftlicher Zusammenarbeit für sich und für andere gestalten wollen.

Eine solche Phase, wo es mit Schwung wieder auf zurück auf Anfang und zugleich in die Zukunft geht, wünsche ich Ihnen gerne – was immer Sie sich persönlich vorgenommen haben und wo immer Sie mit Ihrem Verein stehen.

Alles Gute und Danke für Ihre Aufmerksamkeit

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Kontakt:

Dr. Armin Kuphal
a.kuphal@quarternet.de

 

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